AGGE Aktuell
27.11.2014

Sacharow-Preis an Mukwege verliehen


   

Für seinen Einsatz zugunsten von vergewaltigten Frauen ist der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege gestern mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte geehrt worden. Der 59-Jährige operiert seit Jahren Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt wurden und deren Geschlechtsorgane oft völlig zerstört wurden. 

Der afrikanische Frauenarzt Denis Mukwege hat gestern in Straßburg den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments erhalten. Ende Oktober hatten sich die Fraktionsvorsitzenden einstimmig auf den Kongolesen geeinigt, der sich auf die Behandlung von Vergewaltigungsopfern spezialisiert hat. Der Sacharow-Preis ist der höchste Preis für Menschenrechte des Europaparlaments. Zu den damit Geehrten gehören unter anderem die Friedensnobelpreisträger Aung San Suu Kyi und Nelson Mandela.

Zehn Operationen am Tag - Tausende Frauen behandelt

Der 59-jährige Gynäkologe Mukwege hat das Panzi Krankenhaus in Bukavu in der Demokratischen Republik Kongo gegründet. Er ist ein weltweit anerkannter Experte für die entsetzlichen inneren Verletzungen geworden, die Frauen und Mädchen durch Gruppenvergewaltigungen und gezielte Unterleibsverletzungen erleiden. Seit den 1990er Jahren hat Mukwege Tausende Frauen behandelt, manche von ihnen mehrmals.

Bis zu zehn Operationen schafft der Arzt in seinem oftmals 18-stündigen Arbeitstag. Vielfach müssen alle internen Organe der Frauen rekonstruiert werden. Fast ebenso wichtig wie die Operationen ist die soziale und moralische Unterstützung der Vergewaltigungsopfer und das Bemühen, sie sozial wieder zu integrieren. Mukwege bildet auch Frauenärzte aus, denen er seine speziellen Techniken beibringt.

Christentum als Fundament

Im Laufe der Jahre fiel Mukwege auf, dass jede Miliz ihre "Handschrift" hat. Während die eine Gruppe die Frauen zwingt, sich zum Abschluss der Gewalt über ein Feuer zu hocken, gießt eine andere Chemikalien in die Vagina. Eine dritte schießt den Frauen von unten in den Unterleib - der grausamen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Für Denis Mukwege ist der christliche Glaube das Fundament seines Lebens. Der Sohn eines baptistischen Pastors war einer der ersten, der feststellte, dass vor allem die Frauen im ländlichen Raum medizinische Unterstützung brauchen. In der Demokratischen Republik Kongo ist der Bürgerkrieg zwar seit 2003 in den meisten Gebieten beendet. Doch im Osten des Kongo wird immer wieder gekämpft, es geht um Kontrolle über Land und Bodenschätze.

Mukweges Feinde

Mit seinem Einsatz machte sich Mukwege auch deswegen Feinde, weil er nicht schweigend operierte, sondern die Verbrechen der Milizen öffentlich machte. In einer Rede vor den Vereinten Nationen sprach er im September 2012 über die Grausamkeiten im Kongo. Er beschrieb die schweren Massenvergewaltigungen und prangerte an, dass die Täter straffrei blieben.

Gut einen Monat nach seiner Rückkehr aus New York drangen Bewaffnete in sein Haus ein und versuchten, ihn zu ermorden. Mukwege überlebte nur, weil sein langjähriger Mitarbeiter Joseph Bizimana die Mörder ablenkte und selbst von ihnen erschossen wurde. Mukwege floh mit seiner Familie für einige Monate nach Belgien. Dann entschied er sich zur Rückkehr nach Bukavu - wo ihn nun ein Freiwilligen-Team aus dankbaren Frauen zu schützen versucht.

Mukwege: EU zum Handeln aufgerufen

"Wir versuchen, nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Würde der Frauen wieder herzustellen", sagte Mukwege anlässlich der Übergabe des mit 50.000 Euro dotierten Sacharow-Preises. "Die internationale Gemeinschaft hat Grenzen für chemische, nukleare und biologische Waffen aufgezeigt - wir brauchen auch Grenzen für Vergewaltigung als billige Waffe."

Auch die Europäische Union sei zum Handeln aufgerufen, unterstrich Mukwege. Sie solle sich dafür einsetzen, dass das Kongo-Friedensabkommen Realität werde, das 2013 in Addis Abeba geschlossen wurde. "Sie sollte wirtschaftliche, finanzielle, politische und diplomatische Hebel in Bewegung setzen." Außerdem solle sie genau darauf achten, wo die in Europa verwendeten Industrie-Rohstoffe herkämen - immer wieder komme es schließlich vor, dass verantwortungslose Geschäftemacherei Konflikte in Afrika anheize.

(Quelle: epd/heute.de)

     


  • Home