AGGE Aktuell
02.06.2015

Aus der Ebola-Epidemie lernen

Artikel im Reutlinger General-Anzeiger vom 02.06.2015


   

TÜBINGEN. Elizabeth Mulbah ist Profi. Die gelernte Krankenschwester aus Liberia mit US-Hochschulabschlüssen in Pflegewissenschaft und Pflegemanagement ist Gesundheitsberaterin der liberianischen Regierung und Präsidentin der Christian Health Association. Doch als sie vom Ebola-Tod einer ihrer Pflegetöchter erzählt, kämpft die 68-Jährige mit den Tränen. Isatu Bayo war Hebamme. Sie hat sich infiziert, als sie eine Frau entbunden hat, deren Ebola-Erkrankung untypisch verlaufen war. Als sie starb, konnte die Familie sie nicht einmal begraben. Der Sarg blieb leer, weil der Leichnam verbrannt werden musste. »Wir haben Bilder von ihr hineingelegt und begraben«, sagt Mulbahn leise. Isatu Bayos Tochter hat die Mutter gepflegt. Auch sie starb. 

»Schicksale, wie die von Liz Mulbah gibt es fast in jeder Familie in Liberia«, sagt Gisela Schneider, Leiterin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (Difäm) in Tübingen, einer der Partnerorganisationen der Christian Health Association. Das Difäm hat Mulbah nach Deutschland eingeladen. Gemeinsam wollen sie auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart über ihren Kampf gegen Ebola und für ein besseres Gesundheitswesen berichten. 

Schneider, selbst Ärztin, hat die Partner in Liberia während der Seuche mit medizinischem Material versorgt und beraten. Seit dem 9. Mai gilt Liberia als ebolafrei. Doch 4 716 Menschen haben die Krankheit nicht überlebt, auch 198 Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen starben. Die Seuche hat das öffentliche Leben zum Erliegen gebracht, Familien zerstört, das Gesundheitssystem ruiniert. Das alles in einem Land, das sich noch nicht vom Bürgerkrieg von 1989 bis 2003 erholt hatte. 

Doch Elizabeth Mulbah blickt nach vorn. »Wir müssen unser Gesundheitssystem auf den neusten Stand bringen«, sagt die Präsidentin der Christian Health Association, einer Art Dachorganisation für die christlichen Krankenhäuser in Liberia. Gisela Schneider hat dazu eine klare politische Forderung. »Wir rufen die G-7-Staaten dazu auf, sich deutlicher für den Aufbau stabiler Gesundheitssysteme einzusetzen, die allen Menschen, insbesondere den Benachteiligten, eine medizinische Grundversorgung gewährleisten und weitere Epidemien verhindern können.«

Mulbah ist es wichtig, qualifiziertes medizinisches Personal für die dauerhafte Arbeit in Liberia zu gewinnen. Es mangelt nicht an Interessenten, doch viele verlassen bereits kurz nach ihrer Ausbildung das Land, um etwa in Großbritannien oder den USA mehr Geld zu verdienen, wie auch Gisela Schneider bestätigt. Wichtig ist auch, weiter an der Krankheit zu forschen – und zwar mit Einrichtungen im Land. Noch immer lernen Mediziner dazu, erzählt Schneider. So stellte sich heraus, dass Geheilte die Krankheit weitaus länger sexuell übertragen können, als angenommen. Überraschend auch ein anderer Fall: »Letzten Monat wurden bei einem Arzt Viren in der hinteren Augenkammer entdeckt«, berichtet Schneider.

Immer deutlicher wird auch ein Bedarf an psychologischer Betreuung. Männer und Frauen, die während der Ebola-Epidemie medizinisch gearbeitet haben, brauchen Hilfe. »Viele sind traumatisiert«, sagt Mulbah. Häufig wurden sie stigmatisiert – Familie und Nachbarn mieden den Kontakt. Noch schlimmer erging es vielen Ebola-Kranken, die die Seuche überlebten. Als sie nach Hause kamen, war ihre Wohnung ausgeräumt, die Habseligkeiten verbrannt. »Viele leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung«, sagt Schneider. In Sierra Leone war gerade ein erstes Psychologen-Team im Einsatz, um Helfer zu betreuen. 

Was braucht ein Land wie Liberia? Viel, sagen die beiden Frauen. Es reiche bei Weitem nicht aus, den Zustand vor der Ebola-Epidemie wiederherzustellen, so Mulbah. Ausdrücklich lobt sie den Besuch von Difäm-Leiterin Schneider auf dem Höhepunkt der Krise, weil sie damit das Personal ermutigt hatte, durchzuhalten. Helfer ins Land zu schicken hält Mulbah für effektiver, als Liberianer zum Training nach Deutschland zu holen. Auch die Difäm-Chefin findet es sinnvoller, die medizinische Versorgung an Ort und Stelle aufzubauen, als Katastropheneinsätze zu leisten. Das habe sie auch bei Gesprächen in Brüssel und Berlin deutlich gemacht.

Autorin: Brigitte Gisel

   


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